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Audiotive Welten

Von Dipl. Kom. Wilfred Lindo

Alle Welt spricht von Animation und Video, doch fast unbemerkt entstehen auditive Welten, die eine völlig neue Art des Hörens vermitteln. Via Radio oder Telefon kommen virtuelle Abenteuer in die heimischen vier Wände. Interaktiv greift der Zuhörer in das Geschehen ein.

Der einfachste Weg um in den virtuellen Raum des Hörens zu gelangen, ist der Griff zum Telefon. Im Postjargon als Sprachmehrwertdienste oder Audiotex bezeichnet, findet der aufmerksame Hörer unter der Rufnummer 0190 die unterschiedlichsten Angebote. Darunter gibt es einige bemerkenswerte Dienste, die ausschließlich der Unterhaltung dienen und ein wirklich interaktives Vergnügen bieten. Dabei trifft der auditive Reisende sowohl auf interaktive Adventures als auch auf ganze künstlich angelegte Welten. Hier entspringen Raumstationen oder alte Schlösser der reinen Phantasie. Der Spielraum wird nicht, wie sonst üblich, visuell simuliert, sondern rein akustisch. Eine entsprechende Geräuschkulisse sorgt für die passende Atmosphäre und gibt dem Reisenden die nötige Orientierungshilfe. Nur die Stimmen sind aus der Wirklichkeit.

Je nach Angebot benötigt der Anrufer eine gewisse Ausstattung, um an interaktiven Diensten teilzunehmen. Bei reinen Ansagediensten genügt natürlich jedes normale Telefon. Gibt es die Chance, selbst den Weg durch den Dienst zu bestimmen, ist dazu ein Touch-Ton-Telefon (Tonwahlverfahren) oder ein Tonwahlgeber, der auch für die Fernabfrage eines Anrufbeantworters benutzt wird, vonnöten. Viele modernen Telefone lassen sich auch auf Tastendruck auf das Mehrfrequenzwahlverfahren umstellen. Auf Kommando geben Sie dann über das Telefon bestimmte Zahlen ein, die das System als Kommando verarbeitet. Neueste Mehrwertdienste lassen sich auch durch einfache Sprachkommandos steuern. Hierzu sagen Sie bestimmte Befehle und das System reagiert entsprechend. Die angebotenen Welten unterscheiden sich jedoch recht erheblich in ihren Funktionalitäten und der Einflußnahme von Seiten der Besucher.

Ein lineares Vergnügen
Die einfachste Form des Vergnügens sind Systeme, die einen starren Handlungsablauf besitzen. Zwar steuert der Anrufer den Handlungsablauf per Tonsignal, jedoch kann er sich bei jedem Kommando nur unter einer begrenzten Anzahl von Alternativen entscheiden. Ein Erzähler bringt dem fiktiven Besucher die eigentliche Geschichte näher. Geräusche und Musik sorgen für das passende Ambiente. So öffnen sich knarrende Türen, Pferde galoppieren vorbei oder Schüsse fallen in unmittelbarer Nähe. An bestimmten Punkten in der Handlung hält der Erzähler inne und gibt Ihnen die Chance, sich entsprechend zu entscheiden. Anschließend geht das Geschehen, abhängig von Ihrer Entscheidung, weiter. Bei einer falschen Wahl kann dann auch schon mal das auditive Leben abrupt enden. Die Handlung ist auf eine feste Anzahl von Schritten begrenzt, ein mehrfaches Durchspielen macht meist nur wenig Sinn. Über entsprechende Paßwörter läßt sich der letzte Stand speichern und beim nächsten Anruf weiterspielen.

Audio Reality
Einen ganz anderen Weg schlug die Firma Audioland ein. Nach Virtual Reality kam Audio Reality. Eine künstliche Welt, die nur aus Sprache, Geräuschen und Klängen besteht. Per Telefon und mittels Ihrer eigenen Phantasie baut sich eine neue Form des Zusammenlebens vor Ihrem geistigen Auge auf. Sie betraten die Villa ganz normal durch die Eingangstür. Sie hören, wie sich die Eingangstür öffnet und hinter Ihnen wieder schließt. Sie standen in der Diele. Außer Ihnen trieben sich noch einige skurrile Typen in der Villa herum. Gleich rechts von Ihnen war das Eßzimmer. Doch Sie gingen lieber nach links in die Küche, geradezu auf den Kühlschrank. Wieder klappen die Türen. Im Kühlschrank befand sich niemand und so setzen Sie sich in das kalte Gerät und warten bis jemand kommt. Schon gesellt sich eine schöne Frau zu Ihnen in den Kühlschrank. Hier hört Sie niemand und Sie sprachen über alle möglichen Sachen. Nur schade, dass Sie der netten Frau nicht näher kommen könnten. Ihr gekühltes Zusammentreffen mit der schönen Unbekannten war nur eine fernmündliche Traumwelt. Sie saßen in Wirklichkeit alleine in Ihrem stillen Kämmerlein oder machten gerade etwas Pause von der anstrengenden Arbeit. Diese Illusion nannte sich Audio Reality. Die Villa war nur ein virtueller Raum, den Sie und andere Cybernauten per Telefon besuchten.

Die Hamburger Firma Audioland konstruierte mit Hilfe von Computern eine dreistöckige Villa, die leider nur im Cyberspace existierte. Jede Minute in der unwirklichen Audiowelt kostet Sie rund 0,50 Cent. Cyberspace am Telefon. Ein virtueller Raum, in dem Sie sich selbst als Spielfigur in eine interaktive Dimension begaben. Im Vergleich zu anderen digitalen Experimenten gehörte die Villa zu den wenigen Projekten, in denen die zukünftige Handlung nicht schon von Beginn an vorbestimmt war. Es gab keine Grenzen bei der Kommunikation. Die Besucher bestimmten durch ihr eigenes Handeln den nächsten Augenblick. Nur auf Sex müssten sie verzichten. Hier achtet ein immer gegenwärtiger Moderator auf Zucht und Ordnung.

Ein zweites Projekt von Audioland stellte die Starbase 49 dar. Auf dem intergalaktischen Flughafen tummelten sich bereits die eingetragenen Basianer (so nannten sich die Fans der Starbase 49). In mehreren Ebenen der Station und in über 100 Räumen konnten sich die Leute vergnügen. Je nach Lust und Laune waren hier Ausflüge ins All oder das Hinterlassen von Nachrichten möglich. Wer nur lauschen wollte, konnte dies natürlich auch tun. In den letzten Monaten gab es Gerüchte über ein baldigen Wiedersehen mit Starbase 49 und zwar als Online-Version. Man kann als gespannt sein.
Bei beiden Systemen standen zusätzlich eine Vielzahl von speziellen Kommandos (Tonwahl) zur Verfügung. Um sich in den einzelnen Ebenen der Systeme zurecht zu finden, erhielten die Teilnehmer detaillierte Konstruktionspläne von der Villa oder Starbase.

Was steckte dahinter?
Grundsätzlich spielt sich das gesamte Geschehen auf digitaler Basis ab. Die einzelnen Geräusche, Musikstücke und Anweisungen lagen als einfache Dateien auf einem Rechner. Das System war in der Lage, aufgrund von ankommenden Signalen der Anrufer, dies konnte ein gesprochenes Wort oder ein Signalton von einem Mehrfrequenz-Apparat sein, die notwendige Datei ablaufen zu lassen. Besonders die Systeme, die ausschließlich auf starren Handlungsabläufen basierten, funktionieren meist vollautomatisch. Anders sah es bei den komplexen Systemen aus. Hier liefen zwar auch einige Bereiche automatisch ab, aber hier kam noch die reale Moderation hinzu, wo der Moderator direkten Kontakt zu einzelnen Teilnehmer aufnehmen konnte. Dabei durfte es sich nie um einen direkten Dialog handeln. Ein Gespräch auf Basis von Audiotex-Diensten verbot die Telekom zu dieser Zeit. Daher arbeiten alle Anbieter hier mit einem kleinen Trick. Das gesprochene Wort wurde immer für wenige Augenblicke zwischengespeichert und erst dann dem Gesprächspartner zugespielt. Diesen zeitversetzten Dialog konnte die Telekom nicht mehr beanstanden. Darüber hinaus sorgt ein Kodex, an denen sich alle Anbieter von deutschen Sprachmehrwertdiensten halten musste, für ein Angebot frei von Sex und Gewalt.

Um auch einen größeren Ansturm von Anrufen abzufangen, verfügen diese Systeme meist über eine Vielzahl von Leitungen. Beispielsweise arbeitet die Starbase in stark frequentierten Zeiten mit rund 90 Leitungen gleichzeitig. Die gesprochenen Texte wurden meist von professionellen Sprechern und Schauspielern aus Radio und Fernsehen eingespielt. Viele größeren Anbieter verfügen hierzu über ein eigenes Tonstudio, um das System jederzeit zu aktualisieren.

Was übrig bleibt ...
Auditive Welten sind sicherlich nicht für jedermann geeignet. Ein Portion Phantasie ist dringend angeraten, denn neben dem Dialog mit den anderen Teilnehmern muss sich der Rest im Kopf des Anrufers abspielen. Viele Besucher dieser Welten nutzen die Chance, eine neue Identität anzunehmen und sich von den Zwängen des Alltags zu lösen. Wirklichkeit und akustischer Cyberspace verwischen. Hier bergen diese neuartigen Systeme sicherlich auch eine gewisse Gefahr. Denn wer das Spiel zu weit treibt, erhält spätestens mit der nächsten Telefonrechnung die Quittung für ausgedehnte Reisen in den auditiven Raum. Wer allerdings einfach nur etwas Abwechslung sucht, kann in dem Cyberspace per Telefon viel Spaß haben.

Über den Autor:
Redaktionsbüro Lindo http://www.lindo.de.


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